Beate Gütschow place(ments)

Beate-GütschowEine Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden | Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse | 10. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010

place(ments) – Sonderlich vertraut und zugleich bedrückend fern, schier entlehnt aus einer Zweitrealität wirken die Orte und Architekturen in den Bildern und Videoprojektionen Beate Gütschows, welche zurzeit in der Kunsthalle des Lipsiusbaus ausgestellt sind. Dabei handelt es sich bei den gezeigten Werken nicht um Fotografien im herkömmlichen Sinne, denn nichts in den Bildern existiert wirklich.

Die 1970 in Mainz geborene Fotografin bedient sich bei der Gestaltung beziehungsweise der Inszenierung ihrer Bilder der Technik der Bildmontage. Aus zahlreichen selbst angefertigten Aufnahmen, welche sie in minutiöser Arbeit in einer Datenbank zusammengefasst hat, entwirft sie ihre abgebildeten Architekturen und Landschaften und „baut“ diese am Computer zusammen. Dies geschieht in einer solch präzisen Weise, dass dem Betrachter zumeist verborgen bleibt was tatsächlich „echt“ und was frei erfunden ist. So entstehen großformatige, ideale Landschaften und Architekturportraits, die den Betrachter bewusst in vertraute Szenerien und Umgebungen führen.

LS#3Das „Erfinden“ von Bildräumen sowie die Inszenierung von Bildpersonal innerhalb einer Abbildung sind dabei nichts Neues. Die Kunstgeschichte kennt dieses Prinzip vor allem aus den Stilepochen der ausgehenden Renaissance und des Barock. Maler wie Claude Lorrain, Jacques Stella und Nicolas Poussin schufen ihre fiktiven Landschaften und Architekturen frei aus dem Kopf mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft. Anhand von Skizzen, die in der Natur angefertigt und gesammelt wurden, komponierten bzw. montierten die Künstler im Atelier ihre fantastischen aber auch fantasievollen Werke. Exakt dieser Herangehensweise bedient sich auch Beate Gütschow, nur eben mit den Mitteln der modernen Computer- und Bildbearbeitungstechnik. Vergleichbar sind hierfür vor allem die ausgestellten Fotomontagen aus der ersten Serie „LS“ in der die Fotografin ideale Landschaften kreiert und präsentiert. Die gezeigten Landschaften wirken vertraut, so als hätte man diese beim letzten Sonntagsspaziergang selbst durchwandert. Dass es sich dabei nur um eine Illusion handelt spielt jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

S#22Ebenso verhält es sich bei den präsentierten Fotomontagen aus der zweiten Reihe „S“, welche urbane Landschaften und Großstadtarchitektur zeigt. In ihrer analytischen sowie streng geometrischen Umsetzung erinnern diese Architekturportraits an die dokumentarische Ästhetik der „Anonymen Skulpturen“ des Künstler- und Fotografenehepaars Bernd und Hilla Becher. Passender Weise handelt es sich im Gegensatz zu den Fotomontagen der Serie „LS“ um monochrome Aufnahmen. Auch wenn die abgebildeten Gebäude reine Fantasieprodukte sind, erzeugen diese den Eindruck von realen zum Teil tristen Stadtszenerien, die durch verschiedene Bilderpersonalien ergänzt werden. Durch den erhöhten Blickpunkt erschließt sich eine Perspektive, in der sich die abgebildeten Objekte dem Betrachter unmittelbar gegenüberstellen. Durch das Gegenüberstehen verdeutlicht sich die erwähnte Tristes, die die Architekturaufnahmen innehaben. Denn die Gebäude zeigen klare Spuren des Verfalls und weisen so auf ihren verlorenen Nutzen hin. Durch die Montage erreichen diese aufgebrauchten architektonischen „Raumverpackungen“ eine neue Sinnstufe als Kunstwerk und Denkmal ihrer selbst.

Die dritte Reihe „I“ zeigt ein differenziertes Motivrepertoire. Handelt es sich doch hierbei um eine Art Persiflage bekannter Werbe- und Produktfotografie. In das Zentrum der Bilder rücken nun trivial wirkende Gebrauchs- und Alltagsgegenstände, die durch gelungen Lichtsetzung und Positionierung ähnlich wie teure Markenprodukte präsentiert werden. Aber auch bei diesen Bildern kommt die Technik der Montage zum Einsatz. So werden die Arrangements der Objekte zueinander sowie die Hintergründe am Computer zusammengesetzt. Hierdurch wird die werbetechnische Künstlichkeit der Produktfotografie hervorgehoben und förmlich karikiert. Treffender Weise sind die Fotomontagen als Folien auf Lichtkästen angebracht und wirken so wie Leuchtreklame an bekannten Waren- und Kaufhäusern allerorts.

"R1"+"R2"Ein weiterer direkter Vergleich zwischen den Montagetechnik Beate Gütschows und der Kunstgeschichte bilden die beiden gezeigten Videoprojektionen „R#1 + R#2“ aus dem Jahre 2007. Hierbei stellt die Fotografin einen direkten Bezug zu zwei Werken des niederländischen Landschaftsmaler Jacob Izaakszoon van Ruisdael (* um 1628 – 1682) her. Mittels der Montagetechnik stellt Beate Gütschow die zwei Fassungen von „Der Judenfriedhof“ aus den Jahren 1660 (diese erste Fassung des Bildes befindet sich in der Galerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden) und 1672 in bewegten Bildern nach. Jacob Izaakszoon van Ruisdael hatte die jüdischen Gräber auf dem Friedhof Beth Haim in Amsterdam skizziert und diese anschließend in eine fiktive Waldlandschaft mit Ruine als Landschaftsgemälde umgesetzt. Beate Gütschow filmte genau diese Gräber und setzte sie ebenfalls in eine Waldlandschaft mit Ruine. Ergänzt werden die beiden Projektionen durch die Klänge eines kleinen Baches und das Rascheln der Blätter im Wind.

Die Ausstellung in ihrer Auswahl und Hängung zeigt einen gelungen Querschnitt des Œuvres Beate Gütschows und dürfte nicht nur Liebhabern zeitgenössischer Fotografie sondern auch Bildgestaltern sowie allen geneigten Besuchern gefallen.

BILDNACHWEIS:

Bild 1: Beat Gütschow: LS#3; 1999; 116 x 169 cm; C – Print; entnommen von: www.beateguetschow.net.

Bild 2: Beat Gütschow: S#22; 2007; 180 x 267 cm; Light Jet Print entnommen von: www.beateguetschow.net.

Bild 3: Ruisdael, Jacob Izaakszoon van: Der Judenfriedhof; 1655/1660; 84 x 95 cm; Leinwand; Galerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden; entnommen von: www.prometheus-bildarchiv.de

Bild 4: Ruisdael, Jacob Izaakszoon van: Der Judenfriedhof; 1660/1670; 141 cm x 182,9 cmLeinwand; The Detroit Institute of Arts Detroit; entnommen von: www.prometheus-bildarchiv.de

Bild 5: Gütschow, Beate: R#1; 2007; DV; entnommen von: www.acgebbers.com/Anna- Catharina_Gebbers_|_Bibliothekswohnung/Beate_Guetschow_R1_+_R2.html.

Bild 6: Gütschow, Beate: R#2; 2007; DV; entnommen von: www.acgebbers.com/Anna- Catharina_Gebbers_|_Bibliothekswohnung/Beate_Guetschow_R1_+_R2.html.

Weitere Informationen:

www.beateguetschow.net

www.skd-dresden.de

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Datum: Samstag, 5. Dezember 2009 11:00
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2 Kommentare

  1. 1

    Guten Tag!

    Erlauben Sie eine ganz andere Frage – direkt an Frau Beate Gütschow gerichtet.
    Im Zusammenhang mit einer Ausstellungskonzeption suchen wir nach Nachfahren von Marie Gütschow, einer Lübeckerin die in Zürich und Strassburg Kunstgeschichte um 1900 studiert hat und mit dem Direktor des Strassburger Hohenlohe-Museums, Ernst Polaczek, verheiratet war.

    Wir bitten um irgendeine Antwort und verbleiben mit freundlichen Grüßen

    Dr. Kornelia Küchmeister

  2. 2

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