Beitrags-Archiv für die Kategory 'Interviews und Veranstaltungen'

Rückblick: „am allerwertesten“ – Ausstellung einer Künstlerinnengruppe

Sonntag, 8. März 2009 18:37

In der vergangenen Woche hat sich das „Institut für wahre Kunst“ der Öffentlichkeit präsentiert. Zu der Künstlerinnengruppe gehören Lysann Németh, Nina Schmidt, Elke Jänicke und Saskia Göldner. „Seit Juni 2008 experimentieren wir mit Puderzucker und Betonmischern, spenden Herzblut und zersägen die Wirklichkeit“, so kündigen sich die vier jungen Frauen in dem zur Ausstellung gehörenden Reader an. Große Worte, die die Besucher auf geheimnisvolle und umweltkritische Arbeiten hoffen ließen.

Podiumsdiskussion

Umrahmt wurde die Ausstellungswoche von verschiedenen Veranstaltungen, die den Kunstinteressierten und meist auch den Künstler selbst auf den Plan riefen. Gut zu beobachten bei der Podiumsdiskussion mit dem Thema Kunst Markt Macht Mythos. Zu dem, neben der Vernissage und Finissage, am besten besuchten Programmpunkt versammelten sich hauptsächlich Künstler aus Dresden und solche, die es gern wären. Die Diskutanten waren Jörg Stübing aus dem Buchladen „Büchers Best“, Matthias Burghardt von der Fakultät für Architektur an der TU Dresden und Jochen Deutsch, der sich als „Universaldilettant“ vorstellte, aber eigentlich in der Galerie „Treibhaus“ tätig ist. Die Moderatorin, die aus Krankheitsgründen fehlte, war tatsächlich ein Verlust. Nach einer ausgedehnten Vorstellungsrunde, die gleichzeitig zur Vorstellung der jeweiligen Thesen genutzt wurde, ging man dazu über wichtige Kunsttheoretiker wild zu zitieren. Jörg Stübing und Matthias Burghardt sahen Walter Benjamin und seine Kunstkategorien, die in dem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit 1936 erstmals erschienen, als immer noch gültig an. Mit dieser Auffassung zog man sich jedoch den Zorn der zahlreich anwesenden Dresdner Künstler zu. Jochen Deutsch versuchte nun zu vermitteln.

Weiterer Reibungspunkt waren anscheinend die verschiedenen Auffassungen was Kunst überhaupt sei. Nur wahre Kunst könne auf dem Markt bestehen. Diese müsse, wie es die drei Merkmale besagten, „neu, öffentlich und unikat sein“, so Jörg Stübing. Gerechtfertigte Zweifel, diese Dogmen auf die zeitgenössische Kunst zu übertragen, flammten schließlich auch in dem Diskutanten auf. Ihren Höhepunkt erreichte die Diskussion auf die Frage, warum Künstler überhaupt ausstellten. Provokativ konterte Matthias Burghardt: „Ist es auch noch Kunst, wenn man nicht ausstellen würde?“ Dann verstöße man ja gegen eine der drei Dogmen. Berichten nicht schon die Leiden des Jungen Werthers im Ursprung von einem schlummernden Genie, das letztlich an seiner Genialität zu Grunde geht? Im weiteren Verlauf wurde hitzig über den Geniegedanken sowohl in der Literatur, als auch in der Bildenden Kunst debattiert. Auf einen gemeinsamen Nenner kam man jedoch nicht. Kunst ohne den Marktbegriff sei nicht greifbar, hieß es auf der einen und wer sich diesem Betriebssystem verschreibe sei kein wirklicher Künstler, auf der anderen Seite. So blieb der vermeintliche Mythos des Marktes leider ein Rätsel.

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Die Finissage enthüllte schließlich die blinde Versteigerung. Die Künstlerinnen wollten feststellen wie weit die Preisvorstellungen der potentiellen Käufer und der Künstlerinnen auseinander gingen. Tatsächlich lag zwischen dem materiellen Wert für den Betrachter und die Künstlerinnen teilweise ein dreistelliger Betrag.

Saskia Göldner, eine der Künstlerinnen, resümiert: „Die Ausstellungswoche war für das erste Projekt einer jungen Künstlerinnengruppe ein Riesenerfolg. Die Messlatte lag sehr hoch, und wir haben unsere Erwartungen mehr als erfüllt. Man muss bedenken, dass die meisten Künstlergruppen daher nicht lange zusammen arbeiten, weil sie bei ihren ersten Projekten auseinander brechen.“ Man darf also gespannt sein auf neue Arbeiten der Künstlerinnen. Möglicherweise sogar auf der Dresdner Ostrale, die dieses Jahr wieder im August stattfinden wird.

Weitere Informationen zur Künstlerinnengruppe und den verschiedenen Veranstaltungen unter: www.wahrekunst.com

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„Moderne braucht Vergangenheit“ – 5 Jahre Masterstudiengang Denkmalpflege und Stadtentwicklung an der TU Dresden

Mittwoch, 3. Dezember 2008 15:08

Keine Moderne ohne Vergangenheit, das könnte ein Wahlspruch für den Masterstudiengang Denkmalpflege und Stadtentwicklung sein. Dieser existiert seit nunmehr 5 Jahren an der TU Dresden. Am 28.11.2008 war dieses Jubiläum Anlass für einen feierlichen Festakt in den Räumen des Landesamtes für Denkmalpflege im Dresdner Ständehaus.

Neben einleitenden Grußworten, unter anderem von Prof. Rosemarie Pohlack, Landeskonservatorin von Sachsen, Prof. Hermann Kokenge, Rektor der TU Dresden und Gerhard Eichhorn, dem Vorstandsmitglied der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, standen eine thematische Einführung durch Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer, Stiftungsprofessur der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, auf dem weiteren Programm der Feierlichkeiten. Prof. Hermann Kokenge, Gerhard Eichhorn und auch Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer lobten die Interdisziplinarität und die zukunftsweisende Beispielfunktion des Masterstudienganges. Dieser ist nicht zuletzt ein Ergebnis der guten Kooperation und einem erfolgreichen Gedankenaustausch zwischen der TU Dresden, dem Landesamtes für Denkmalpflege und dem Görlitz Kompetenzzentrum Revitalisierender Städtebau. Alle Redner hoben das enorme Engagement von Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier heraus, welcher als Mitbegründer und Koordinator des Masterstudiengangs an der TU Dresden Teil am grandiosen Erfolg des Ganzen hat. Prof. Dr.-Ing. Jürg Sulzer fasste es so zusammen: „Ohne Hans-Rudolf Meier hätte der Masterstudiengang Denkmalpflege und Stadtentwicklung nie seinen heutigen Rang in Lehre und Präsenz erreicht.”

Auf die stimmungsvollen Grußworte folgte ein denkwürdiger Vortrag von Prof. Dr. Dr. hc. Hans Joachim Meyer, Sächsischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst a.D., der die Frage: „Braucht die Moderne keine Vergangenheit?” zu beantworten suchte und die Denkmalpflege zum Anwalt jeglicher Form von Kunst proklamierte, welche nicht mehr für sich selbst sprechen kann – und lobte so den Anspruch und die Aufgabe des Masterstudiengangs Denkmalpflege und Stadtentwicklung. Im Anschluss trug Prof. Dr. Werner Sewing seine Erkenntnisse über den Mythos „europäische Stadt” vor und betonte, dass die Wahrnehmung und Wahrung des kulturellen Erbes innerhalb der heutigen Stadtentwicklung zentrale Grundpfeiler der modernen Denkmalpflege darstellen.

Den Abschluss des offiziellen Teils bildeten Erfahrungsberichte über den Studienalltag von Dr. Susanne Jaeger, langjähriger Mitarbeiterin am Studiengang und von Absolventen die innerhalb ihrer Ausführungen besonders die „Nichtverschulung” des postgradualen Studiengangs in Zeiten des Bologna-Prozesses in den Vordergrund stellten.

Der gesamte Festakt stand und steht als gelungene Bilanz eines innovativen Prozesses der nicht nur für die TU Dresden richtungweisend ist.

Man kann gespannt und sicher sein, dass die Wirkung und die Ergebnisse des Masterstudiengangs Denkmalpflege und Stadtentwicklung auch zum 10. Jubiläum erneut den Anlass zu einem verdienten Festakt bieten werden. Exemplarisch steht der Masterstudiengang für eine positive Entwicklung innerhalb der Architektur-, Kultur- und Geisteswissenschaft und zeigt zum einen, dass die Vergangenheit den Grund und Ausgangspunkt für jede Form von Moderne bildet und die Beschäftigung und die Wahrung der Vergangenheit eindeutig zur Aufgabe jeglicher Kultur zählt.

Keine Moderne ohne Vergangenheit.

Text und Fotos: Olav Helbig und Andreas Gosch

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Weitere Informationen:

Kontakt: Masterstudiengang Denkmalpflege und Stadtentwicklung

Sekretariat: Frau Peggy Torau / Email: info@masterstudiengang-denkmalpflege.de / Telefon: 0351-463 39500

Technische Universität Dresden / Professur für Denkmalkunde und angewandte Bauforschung / 01062 Dresden

www.masterstudiengang-denkmalpflege.de

Infobroschüre zum Studiengang (.pdf)

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„In Deutschland wird ja nicht so viel geredet…“ – Interview mit Jan Brokof

Dienstag, 2. Dezember 2008 14:56

Das sagt zumindest Jan Brokof, mit dem sich k-dd.de über seine Arbeit und das Wirken der heutigen Kunstgeschichte unterhalten hat.

Nach dem Studium an der HfBK in Dresden und dem Abschluss bei Prof. Ralf Kerbach arbeitet Jan Brokof heute in Dresden und Berlin. Zu den bevorzugten künstlerischen Techniken des Grafikers gehören die Bleistiftzeichnung, die Radierung, das Tuschen und vor allem der Holzschnitt.

Wie sah Deine Entwicklung zu einem Künstler aus?

Irgendwie wollte man in der Schule schon immer anders sein, als die anderen. Weil man auch cool sein wollte, hat man das dann auch durchgezogen. Ich habe in der zehnten Klasse gesagt ich werde Künstler.  Eigentlich hat man gar nicht gewusst worauf man sich einlässt. Richtig gebrannt für diese Sache habe ich dann während des Studiums.

Wie schafft der Künstler seine Werke? Gibt es bestimmte Faktoren, die dich zu einem Bild treiben?

Auslöser kann alles sein. Für mich und für viele andere sind emotionale Auslöser sehr wichtig. Das kann eine Straßenszene oder eine Ausstellung sein. Man ist ja permanent Künstler. Das ist nicht wie ein Job bei dem man hingeht und sich zu Hause etwas ganz anderem widmen kann. Du stehst auf und bist Künstler und gehst ins Bett und bist Künstler.

Jeder hat seine Strategie. Ich zum Beispiel habe immer eine Kamera dabei. Mit der wird alles festgehalten wird, was ich sehe und wie ich es sehe. Im Moment sind viele Straßenszenen dabei. Man fokussiert sich vorher schon sehr stark auf einen Gegenstand. Lauf mal durch die Stadt und achte auf Totenköpfe. Du wirst staunen, wie viel Totenköpfe du auf einmal siehst: auf Poster, T-Shirts, Autos. Das ist der Hammer, was man alles in seiner Wahrnehmung filtern kann. Dahinter steht für mich die Frage: Was bedingt eigentlich was? Im Atelier ist es das eigene Arbeiten, das mich permanent weiterbringt. Dass man sozusagen in seiner eigenen Kunst forscht oder irgendwelche anderen Auslöser findet, die dann wieder neue Wege eröffnen.

Dass man nicht von anderen Künstlern zitiert, was ja eigentlich viele machen, wenn sie sich ein Vorbild nehmen?

Ich habe den Eindruck in dem Fall gibt es zwei große Wege: Die Einen wollen sich in einer eigenständigen Position, die wieder erkennbar ist, etablieren. Die Anderen gehören in einen großen Pool. Da spielt dann noch ein gewisser Zeitgeist rein, der zu immer mehr Häufungen von Stilen in einer Zeit führt und schon geführt hat. Heute gibt es scheinbar zu viele Zeitgeister nebeneinander, die sofort zum Trend ausgerufen werden, während eigentlich nichts mehr Zeit hat sich zu entwickeln. Beispiel: Das Ornamentale ist im Moment in vielen künstlerischen Positionen vorhanden, aber in ganz verschiedenen Ausrichtungen. Ich fände es wahnsinnig toll, wenn so was nicht als Kritikpunkt, sondern als neue Stärke angesehen würde.

Mir geht es einfach darum, dass Kunst nichts Einsames und Elitäres ist. Mit dieser Einsicht kommt man wohl am schnellsten vorwärts. Mir persönlich ist es oft passiert, dass ich gedacht habe: Oh, das kommt zu dicht an den und den ran. Dann arbeitet man permanent – nur damit es nicht mehr so aussieht. Irgendwann kommt man jedoch an den Punkt, wo man sagt: Das ist doch totaler Bullshit. Zieh doch einfach dein Ding durch und verschwende deine Energie nicht an solche Gedanken. Damit fährt man meiner Meinung nach irgendwie besser.

Wie sieht die Arbeit in deinem Atelier schließlich aus?

Ich habe verschiedene Strategien. Am produktivsten ist es, wenn ich die Zeit und Kraft finde, wirklich alles gleichzeitig zu machen. Das geht von Grafik über Tusche, Kleinstbastelarbeiten, Wandcollagen, Holzschnitt, Farbpapier, Scherenschnitte und so weiter. Wenn man bei keiner Sache einen Zeitdruck hat, dann befruchten sich die verschiedenen Arbeiten gegenseitig. Die Vorbereitungen von größeren Arbeiten sind aber sehr kopflastig. Gerade die technischen Dinge: Wie steht’s am Besten, wie fällt’s nicht um, wie müssen die Materialen sein – all das Banale ist viel Vorarbeit. Gerade ist es so, dass ein größeres Projekt im Kopf entsteht und das geht dann doch meistens ziemlich zügig, weil es wirklich lange vorgedacht ist und mit allem möglichen angereichert wird. Das wird eine Straßenszene sein, die im Januar hier zu sehen ist – zumindest ein Teil davon. Im Moment entstehen kleine Skizzen, Zeichnungen, was zwar auch eigenständige Werke sind, aber für die große Arbeit dann umso wichtiger sind.

Ansonsten bin ich eher ein Tagarbeiter. Es gibt ja die Theorie, dass man tagsüber mehr mit dem Verstand und nachts mehr mit Emotionen arbeitet. Dann bin ich ein „Tagarbeiter”, weil Nachtaktionen tatsächlich meist sehr exzessiv enden. Deshalb leiste ich mir die eher seltener. Meine Art zu arbeiten würde ich als abarbeiten beschreiben. Eine Idee ist schnell gefunden und dieser kreative Moment viel zu schnell vorbei. Der muss bei mir sofort umgesetzt werden. Wenn ich zum Beispiel eine Zeichnung habe, dann setze ich gleich eine Form für den Druck. Wenn die dann schraffiert werden soll, muss ich das auch sofort machen. Die Tat an sich ist für mich sehr wichtig, obwohl man dabei oft nicht mehr viel nachdenkt, weil im Grunde keine kreative Handlung mehr dahinter steht.

Kunsthistoriker definieren einen Künstler ja gerne über solche Aspekte. Wie und worüber würdest du dich selbst definieren?

Ich denke über das Machen, denn das ist die meiste Zeit, in der ich was mit meiner Kunst zu tun habe. Das ganze drum herum: Künstler in der Öffentlichkeit, Kunstmarkt und so ist ein notwendiges Übel. Es geht ja auch nicht ohne und ich finde einige Sachen auch ganz spannend, aber dass ich mich selbst darüber definieren würde, kann ich für mich ausschließen.

Wie gehst du als junger Künstler dann mit Ehrungen und Preisen um? Wird ein Künstler stark an dieses Fakten gemessen?

Die sichern natürlich erstmal eine Existenzgrundlage. Das Beste daran ist, dass man mit dem Preisgeld ein halbes Jahr, ohne sich einen Kopf zu machen, arbeiten kann. Dann ist es mit den Preisen ja auch immer so eine Sache: Wenn die kein Risiko eingehen wollen, dann bekommt der einen Preis, der schon mal einen bekommen hat. Da ist man auf der sicheren Seite. Viele Künstler hätten einen Preis verdient, die bisher nicht einen einzigen bekommen haben, die vielleicht keine Lobby haben oder keinen Fan, der das getragen hat. Diejenigen, die mit meinen Arbeiten handeln, fördern mich im Endeffekt ja auch. Ich versuche das immer ein bisschen außen vor zu lassen, denn das kann auch hemmend sein. Der Kunst tut es nicht gut, wenn man zu strategisch arbeitet. Das ist eine arge Gradwanderung. Im Atelier und im Geist ist man meist viel weiter, als das, was schließlich in einer Ausstellung hängt. Wenn ich jetzt alles zeigen würde, dann würde ich es dem Betrachter unglaublich schwer machen. Die paar Schritte dazwischen geht man schon mit dem Betrachter mit und nimmt ihn ein Stück an die Hand – langsam dorthin, wo man hin will.

Vielen Studenten ist beim Betrachten deiner Werke – vornehmlich durch das Internet – aufgefallen, dass du stark die soziale Wohnungsarchitektur in der DDR thematisierst. In vielen Artikel des Internets wird auch gesagt, dass es um eine heile Welt geht.

Echt?

Ja, zumindest bei denen, die man findet. Manche reden dabei sogar von einer Kritik. Wie siehst du das selber?

Wir haben ja vorhin schon von emotionalen Auslösern gesprochen. Ich komme aus solchen Orten und die haben mich schon sehr geprägt. Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass das auch nicht nur ostdeutsche Plattenbauten sind. Ich will das weder gutheißen noch schlecht machen, weil ich da auch gelebt habe. Das ist erstmal nichts positives, nichts Negatives. Was weiß diese Zeit von einer anderen? Besser hätte es Julia Schoch in einem Aufsatz nicht sagen können. Man weiß, dass es Realität ist und nimmt es als gegeben hin. Eigentlich waren diese Blockbauten immer da, aber erst wenn sie nach und nach verschwinden, wird man wieder auf sie aufmerksam. Dieser ganze Ostalgie-Kram interessiert mich weniger. Mich interessiert mehr der Ost-West-Konflikt. Ich bin im Grunde das typische Wendekind. Meine Pubertät war zu der Zeit und das ist das geschichtsträchtigste was ich erlebt habe. Das ist ein Ereignis, was über mich hinausstrahlt und mich somit nicht nur persönlich beschäftigt. Man hat den Osten nur wenig miterlebt und dann fängt man an über die vergangene Zeit zu lesen und eigentlich findet man nur Meinungen, die extrem auseinander gehen. Dadurch, dass man es selber nicht so stark miterlebt hat, ist das eine Freifläche, unbesetzt von Erfahrungen, die man wunderbar bearbeiten kann. Ich will dieses Feld nicht besetzt lassen von Meinungsmachern, die mir sagen was gut und was schlecht war. Für mich sind diese Bauten alles. Sie sind zwar gruselig, aber auf der anderen Seite habe ich dort auch tolle Dinge erlebt: das erste Mal knutschen zum Beispiel. Jeder hat ganz persönliche Erlebnisse, die im Endeffekt jeden Ort schön werden lassen. Kann man mit eigenen Erinnerungen überhaupt objektiv sein? Sind die nicht von vornherein geschönt? Vielleicht arbeite ich deshalb mit Echtmaßstäben, um dadurch eine Objektivität zu vermitteln und etwas Privates objektiv zu bearbeiten.

Ist das vielleicht auch ein Dogma der Kunstkritik, dass die immer versucht eine Kritik an irgendwelchen Systemen und sozialen Umständen zu finden, anstatt zu prüfen, ob das nicht eher eine Art Erinnerung ist, die hier technisch festgehalten wurde?

Man muss es als Künstler schaffen, sich von allen Themen frei zu kämpfen. Dass es keine Rolle mehr spielt was du malst. Beispiel: Du zeichnest das Haus, mit den Fenstern und den Gardinen – und wenn du daneben ein Viereck mit kleinen Vierecken drin zeichnest, dann wird es jeder auch als Haus erkennen, obwohl es eigentlich ein abstraktes Bild ist. Und das sind Punkte, die vor allem formal sehr spannend für mich sind: Wie weit kann man abstrahieren, dass immer noch Inhalt vorhanden ist? Muss ich die Leute mit mehr Inhalt füttern, damit sie das andere noch lesen können? Würden sie das überhaupt erkennen, wenn ich nicht den Bezug zu den realistischen Arbeiten aufstellen würde? Dann würden sie das vielleicht aus einem anderen Kontext heraus lesen. Oder: Schafft man es einen dreidimensionalen Raum zweidimensional darzustellen – reliefartig, damit man auf einer Blickachse arbeitet. Da geht es weniger um den Inhalt, sondern mehr um das Bild an sich. Wobei für mich das Bildereignis wohl auch beliebig werden würde, wenn ich mich nur noch damit beschäftigte.

Du hast kurz die Reaktionen der Leute auf deine Kunst angesprochen. Wie wichtig sind die dir? Gehst du auf deine eigenen Ausstellungen und versuchst mitzuhören, was die einzelnen Leute über deine Arbeiten sagen?

In Deutschland wird ja nicht so viel geredet (lacht). Ich war jetzt in den Niederlanden. Dort war es zum Beispiel ganz anders: da wird viel mehr unter den Künstlern über die Arbeiten geredet, was ich ganz klasse finde. Man spricht mit seinem Gegenüber ja immer darüber, worüber er gerade reden will. Also eher über den Inhalt oder die Formalien. Das ist immer unterschiedlich. Ist ja sein gutes Recht, wenn er da hinkommt und sich das ansieht. Ich weiß ja selber, dass ich mich da auf einer Gradwanderung befinde, aber das sind sowieso die Positionen, die ich besonders spannend finde: kurz vorm Kitsch, sodass es sich die Waage kaum mehr halten kann und kurz vorm abkippen steht. Das sind Positionen, die ich als sehr lustvoll empfinde.

Welche Bedeutung misst du dem Schwarz-Weiß in deinen Arbeiten bei?

Gute Frage: Schwarz-Weiß hat was sehr konsequentes… Ja oder nein quasi. Warum mach ich eigentlich schwarz-weiß?

Vielleicht auch wegen des normalen Rhythmus’ des Hochdrucks, der traditionell Schwarz-Weiß druckt?

Das sind auch Gründe, vor allem weil die Technik so viele Seiten hat, die von mir noch nicht ausgereizt sind. Farbe im malerischen Sinne interessiert mich einfach nicht. Zumindest will  ich nicht das Lichtereignis fangen. Würde ich mit Farben arbeiten, dann würden die signalhaft, vielleicht auch über Flächen verwendet werden.

Irgendwie habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Vielleicht sind so viele sozial-kritische Arbeiten farbig, weil schwarz-weiß objektiver wirkt und dich nicht in eine emotionale Richtung schiebt. Ja, vielleicht ist die Grafik eher geistig und die Malerei mehr emotional. Vielleicht ist es eher so was. Also so ganz stimmt das auch noch nicht. Das ist alles sehr schwammig….

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